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Verwelktes, Blattloses, Gedorntes, Verstacheltes und Verspinntes. Gestein, Sand, Staub, Durst, Hunger, Krallen, Reißzähne, Rüssel, Schlünde, Ungezähmtes, Geschwindigkeit, Sonnenglut. Windlos, wolkenlos, regenlos, trostlos, gelb, rot, braun, grau, blau - so präsentiert sich der Distrikt Tunduru dem nördlichen Auge während der Trockenzeit, 8 Monate im Jahr.
Hier lebt die geringe Anzahl von Lebewesen in Gemeinschaften: Dörfern, Familienclans, Herden, Rudel, Schwärme. Das ändert sich auch in der Regenzeit nicht, wenn farblose Wassertropfen das Land mit dichtem Grün, Weiß und Gold überziehen. Wenn in Mindu Gräben und Furchen zu überquellenden Bächen mutieren, wenn zu Strömen angeschwollene Rinnsale Straßen und Wege in Nakapanya unpassierbar machen, wenn beißende, stechende, saugende Insekten ihre Metamorphose abschließen und Mensch und Tier im Miombo-Wald zu Grunde richten wollen, wenn alles in schlammigen Fluten zu ersticken droht - 4 Monate im Jahr.
Das Volk der Wa-makua, matrilinear organisierte Ackerbauern, die mit Ausdauer, Geschick und Wissen dem kargen Boden Ernte um Ernte abringen, lebt gerne hier; glückliche und zufriedene Menschen, manchmal traurig, selten verzweifelt. Sie wissen, daß sie von den Launen der Natur abhängig sind, daß Hungersnot die Folge von ausgebliebenem Regen ist, daß der Tod Begleiter von Unachtsamkeit im Busch ist. Deshalb lernten Sie mit der Natur zu leben, wurden Teil von ihr; deshalb konnte Ihnen auch die andere Seite, die natürliche Schönheit, nicht verborgen bleiben: Der glasklare Sternenhimmel; schillernde Schmetterlinge, die den Farbexplosionen der Regenzeit nachjagen; ein Gepard, der im hellen Licht seine Beute verzehrt; die fröhlichen Tupfen im Federkleid eines Perlhuhnes; die versteckte Ästhetik im Büffel - Sinnbild für Kraft und Stärke; die Geometrie eines Zebras; die plötzliche Leichtfüßigkeit eines Flußpferdes, nicht zuletzt der freche Witz, den Myriaden bunter Vögel in den Baumkronen gemeinsam mit Dämonen und Ahnen ausbrüten.
Es ist eine arme Region, verkehrstechnisch schlecht erschlossen, energiepolitisch vernachlässigt. Die Nähe zum ehemals bürgerkriegsgebeutelten Mozambique hinderte (und hindert) nicht nur private Investoren sondern auch die tanzanische Regierung daran, dem Fortschritt hier eine Chance zu geben. Die Natur nahm dieses Schicksal dankbar auf, behielt ihr Jahrhunderte altes Kleid und trotzte weiterhin dem menschlichen Ansinnen, die Erträge zu steigern. Münder und Bäuche, die man nicht mehr füllen konnte, wanderten und wandern ab, nach Songea, oder noch weiter weg: Lindi, Mtwara, Dar es Salaam, Arusha. Die meisten dieser Vertriebenen schlittern von einer in die andere Notsituation, blicken dem Hungertode ins Auge, andere können sich als Tagelöhner mehr schlecht als recht ernähren, sehr wenige können sich einer geregelten Arbeit erfreuen, manche sehen in Diebstahl und Raub die letzte Chance. Fast keiner geht zurück; der Schande, mit leeren Händen zu kommen, als Versager zu gelten, setzt man sich nicht aus. Alle aber haben eines gemeinsam: einen Teil ihres Lebens, ihrer Kultur mußten sie zurücklassen - die Natur ging nicht mit in die Großstadt, das innige Verhältnis zu ihr aber blieb bestehen.
Sehr, sehr wenige beginnen zu malen. Ihre Bilder muß man vor diesem Hintergrund sehen.
Meist zeigen ihre Exponate frontale, perspektivlose Tierdarstellungen, die sich auf die wesentlichen Merkmale des Tieres beschränken und ihren Ursprung in alten Mythen und Märchen haben. Da Rinder in Afrika einen sehr hohen Status genießen, ist es nicht verwunderliche, daß die ersten und berühmtesten Darstellungen Rinder waren. Pflanzen-, vor allem flache Baumdarstellungen (der Baum als Sitz von Dämonen und Ahnen) erweitern das Repertoire. Hin und wieder tauchen auch “fremde” Motive auf, Kreuzfahrtschiffe, Medizinmänner, der Staatsgründer Nyerere und seit den 80er Jahren auch Bilder, die sich mit dem tanzanischen Alltag und dem Thema Aids (Ukimwi) beschäftigen.
Die schwungvollen Kompositionsschemata, eine grandiose Farbgebung und vor allem eine leere Farbflächen akzentuierende, rhythmische Linienführung lassen Assoziationen zu den Werken der Makonde-Schnitzkunst keimen. Trotz ihrer Schlichtheit ist es nicht einfach Naivität, was aus den Bildern zu uns spricht. Es ist ein Sehnen nach Naturerleben, nach Verbindung zum Tier - nach einem mystischen Erleben der Ursprünge des Menschen. Und, erinnern wir uns, die Quadratmalerei ist in der Großstadt Dar es Salaam entstanden. Edward Saidi Tingatinga und auch seine Schüler und Nachfolger, die fast durchwegs aus dörflicher Umgebung stammen, sehnen sich nach dem, wonach sich auch der Europäer sehnt.
Im Gegensatz zu den Schnitzern ist den Quadratmalern der "Tingatinga Arts Coop. Soc." die Gunst der Regierung sicher. Als "Volksmaler" werden sie den tanzanischen akademischen Malern gleichgestellt. Im Gegensatz zu diesen, die sich mehr oder weniger der europäischen Moderne verpflichtet fühlen (und meist auch ihre Ausbildung in Europa oder den USA genossen haben) sind die Quadratmaler aber durchwegs Autodidakten. Sie zeigen uns nicht nur ein originäres sondern auch ein authentisches Afrika. Und noch etwas zeigen sie uns: Spaß und Freude an der Arbeit und Geld als Produkt derselben schließen sich nicht aus.
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